Studie zum Sprachenlernen im Alter

Von September 2016 bis März 2017 habe ich in Sprachkursen für Lebenserfahrenen eine Umfrage zu deren Vorlieben und Einstellungen durchgeführt. Es haben sich 447 Lernende beteiligt – an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön – vor allem dem Bayerischen Volkshochschulverband, den einzelnen Sprachabteilungen und vor allem den Kursteilnehmenden! Die Ergebnisse werden erstmals auf der IDT 2017 vorgestellt. Im Anschluss werde ich die Daten zugänglich machen.

Erste Ergebnisse:

  • Es bestätigt sich, dass ca. die Hälfte nur altershomogene Kurse besuchen würde, die andere auch intergenerationelle.
  • Es zeigt sich der Einfluss der Lernbiografie bezüglich einer Bevorzugung von expliziter Grammatikvermittlung und einer Absicherung durch Übersetzungen.
  • Bestätigt wird ferner, dass auch in dieser Altersgruppe unterschiedliche Lernstile eine große Rolle spielen, z.B. bezüglich des Einsatzes von Spielen, kreativen Aufgaben und Tests.
  • Widerlegt wird, dass ältere Lernende vor allem an die vhs gehen, um Kontakte zu knüpfen.
  • Wichtig ist den älteren Lernenden ein Kursangebot am frühen Nachmittag und eine besondere Rolle spielt für viele die sympathische Lehrkraft.

Erscheint 2018 im Erich Schmidt Verlag (http://www.esv.info/lp/daz/idt)

Auszüge:

Statistische Daten zu den Teilnehmenden (N = 439)

Geschlecht

männlich 95 21,64%
weiblich 342 77,90%
keine Angabe 2 0,46%

Alter (Durchschnitt 71 Jahre)

Sprachkurse (N = 439, gerundet)

Deutsch 8 1,8%
Englisch 245 55,8%
Italienisch 130 29,6%
Spanisch 23 5,2%
Französisch 33 7,5%

Die Auswertung erfolgt nicht nach der Reihenfolge der Fragen im Fragebogen, sondern fokussiert die Beantwortung der Frage, ob altersspezifische Sprachkurse notwendig sind. In Frage 8 und 9 wurden die Teilnehmenden direkt gefragt, ob sie die Anwesenheit jüngerer Teilnehmender nervös mache und sie vom Besuch altersheterogener Kurse Abstand nehmen würden. Während 46 Prozent auch intergenerationelle Kurse besuchen würden (wenn tagsüber angeboten), würden 44 Prozent nicht zusammen mit jüngeren Lernenden in einem Sprachkurs sein wollen. Das dokumentiert, dass zumindest zum heutigen Zeitpunkt „Seniorenkurse“ einen Bedarf darstellen. 49 Prozent der Probanden sind der Auffassung, dass jüngere Lernende schneller lernen und dies demotivierend auf sie wirke (25,8% sind jedoch der Auffassung den Jüngeren überlegen zu sein!). Ebenfalls für „altersspezifische“ Sprachkurse spricht, dass sich 66,1% der Probanden altersgerechte Themen wünschen. Dies macht auch deutlich, dass sich herkömmliche Lehrwerke nur bedingt für diese Zielgruppe eignen. Der Bedarf an altersspezifischen Lehrwerken ergibt sich ferner aus Frage 17, bei der 76,3% der Befragten angeben, dass die Hörtexte zu schnell und vor allem mit Nebengeräuschen nicht für Hörer mit Verlust des selektiven Hörvermögens geeignet sind (Gewünscht werden Hörtexte ohne Nebengeräusche und die Möglichkeit Hörtexte mitzulesen).

Auch bezüglich des Gruppenzusammenhalts geben 70,6% an, dass sie altershomogene Gruppen bevorzugen. Ausgesprochen wichtig ist den Probanden, dass sie ohne Zeitdruck lernen können. Betrachten wir die Aussage 4 komplett: „In intergenerationellen Kursen stört mich der empfundene Zeitdruck“.

Zeitdruck (N = 439)

absolut nicht 8 1,82%
nein 6 1,37%
eher nicht 6 1,37%
neutral 47 10,71%
meist 37 8,43%
ja 92 20,96%
sehr 243 55,35%

Ähnlich sind die Antworten zur „empfundenen“ Progression, die man in intergenerationellen Kursen als zu steil empfindet (76,5%). Bezüglich der Unterrichtsmethoden gehen 71,1% der Befragten davon aus, dass man in spezifischen „Seniorenkursen“ verstärkt auf ihre Methodenwünsche eingehe. Diese betreffen vor allem die o.a. Lernbiografie oder Lernkultur, die bei den heutigen älteren Lernenden noch stark traditionell geprägt ist (Grammatik-Übersetzungs-Methode). Hier ist der Studie im Einzelnen nicht zu entnehmen, ob die Methodenwünsche auf den spezifischen Lernstil oder die Lernbiografie zurückzuführen sind. Auch bei jüngeren Lernenden stehen entdeckende Grammatik und ständiges Erschließen aus dem Kontext nicht auf der Favoritenliste (Ergebnis der Vergleichsstudie[1] mit Lernenden bis 59 Jahren). 73,8% der Teilnehmenden wünschen sich eine ausführliche und systematische Grammatikerklärung. Traditionelle passive Übungen sollen der Festigung der sprachlichen Strukturen dienen, ehe handlungsorientierte freie Aufgaben gefordert werden. Dabei wünschen sich die Lernenden mehr Übersetzungsaufgaben, sowohl im Bereich der Wortschatzvermittlung als auch bei der Überprüfung sprachlicher Strukturen. Betrachten wir Aussage 12 („Ich fühle mich sicherer, wenn wir Wörter und Sätze auch übersetzen“) wieder im Detail:

Übersetzung (N = 439)

absolut nicht 27 6,15%
nein 27 6,15%
eher nicht 14 3,19%
neutral 39 8,88%
meist 43 9,79%
ja 102 23,23%
sehr 187 42,60%

Absolute Einsprachigkeit, die auch in regulären Sprachkursen inzwischen ihre dominante Rolle zunehmend verliert, ist bei der Zielgruppe der „Senioren“ folglich unerwünscht.

Wie bereits angesprochen, wünschen sich die Lernende viele festigende passive und semi-passive Übungen, während Rollenspiele von 47,4% und kreative Projekte von 58,1% abgelehnt werden. Hier sind eindeutige Unterschiede zu der Zielgruppe jüngerer Lernender zu verzeichnen, bei der über 80% gerade den Einsatz von Projekten favorisieren.

Die Einstellung zu Sprachlernspielen ist bei den älteren Lernenden sehr disparat („Mögen Sie Sprachlernspiele?“).

Spiele (N = 439)

absolut nicht 81 20,73%
nein 55 12,53%
eher nicht 41 9,34%
neutral 84 19,13%
meist 42 9,57%
ja 48 10,93%
sehr 78 17,77%

Auch hier wird ein Unterschied zu den jüngeren Lernenden deutlich, die mit 71% den Einsatz von Spielen im Fremdsprachenunterricht schätzen.

Erstaunlich ist, dass sich bei den älteren „nur“ 56,5% regelmäßige Lernfortschrittstests wünschen, während es bei der jüngeren Generation 66,6% sind. Dies mag damit zusammenhängen, dass viele der Jüngeren noch qualifizierende Bescheinigungen benötigen.

Die Auswertung der Freitextkommentare der älteren Lernenden dokumentiert, dass Zeit (bevorzugt tagsüber) und Ort (einfache Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln) eine zentrale Rolle einnehmen. Eine noch wichtigere Rolle nimmt die Lehrkraft ein, die zwar fachlich kompetent, vor allem aber sympathisch und empathisch sein sollte. Neun Prozent der älteren Lernenden erklären, dass sie den Kurs abbrechen würden, wenn er von einer anderen Lehrkraft angeboten würde.

🙂